Review: Shin Megami Tensei IV Apocalypse für Nintendo 3DS

Die Shin Megami Tensei-Reihe gehört zu den Urgesteinen des JRPG-Genres. Obwohl die Spin-Off-Serie „Persona“ heutzutage fast schon populärer ist als die Hauptspiele, kommen nach wie vor tolle SMT-Titel heraus. So konnte Shin Megami Tensei IV, Ende 2014 in Europa digital veröffentlicht, Fans begeistern, auch wenn das Spiel nicht frei von Fehlern war. Grund genug, dem Titel einen Nachfolger zu spendieren, der die Fehltritte auszubügeln versucht. Shin Megami Tensei IV: Apocalypse ist jedoch nicht ein klassischer Nachfolger, sondern vielmehr alternative Erzählung zum Original. Geht dieses Konzept auf?

Zunächst eine kleine Warnung: Die Geschichte von Apocalypse ist stark verwoben mit der von Shin Megami Tensei IV. Nicht nur so einige Figuren, sondern auch jede Menge Ereignisse werden übernommen. Das Spiel startet quasi mit der Erwartung, dass der Spieler den Hauptteil bereits erlebt hat. Mit der Handlung können all diejenigen, die den Vorgänger nicht gespielt haben, folglich kaum etwas anfangen. Zwar macht SMT IV Apocalypse genug Spaß, um auch ohne Verständnis für die Geschichte eine gute Zeit mit dem Titel zu haben. Da die Story aber zu den Höhepunkten des Spiels zählt und Shin Megami Tensei IV ebenfalls ein gelungenes Erlebnis bietet, sehe ich keinen Grund, als Anfänger nicht mit SMT IV einzusteigen und Apocalypse zunächst links liegen zu lassen. Shin Megami Tensei IV steht im eShop für 19,99€ zum Download bereit.

Obwohl ich diesen Test Spoilerfrei halten möchte, sollten SMT-Neulinge erst nach dem Spielen des vierten Teils weiterlesen. Denn allein die Prämisse, mit der Apocalypse wirbt, könnte etwas für den Vorgänger vorwegnehmen.

Teuflische Geschichte

Apocalypse schließt an die letzten Spielstunden der neutralen Route von Shin Megami Tensei IV an. Der Protagonist Flynn versucht, das postapokalyptische Tokio vor den übernatürlichen Kräften der Engel und Dämonen zu retten. Der Krieg zwischen Luzifer und Merkabah ist in vollem Gange und so kämpfen die Diener im Jahre 2038 unerbittlich bis zum Ende, ohne Rücksicht auf Verluste. Inmitten des Kriegs setzt Apocalypse an, das uns allerdings nicht in die Rolle von Flynn versetzt, sondern einen neuen Hauptakteur parat hält. Nanashi ist ein Anfänger-”Hunter”. Als solcher macht er es sich ebenfalls zur Aufgabe, Tokio vor weiteren Angriffen zu schützen. Im Vergleich zu Flynn aber stehen ihm keine übernatürlichen Wesen zur Seite, weshalb seine Macht letztendlich stark begrenzt ist. Kein Wunder also, dass ihn in Windeseile ein Dämon tötet! Spiel vorbei? Keineswegs! In einer Untergrund-Welt begegnet er dem Dämonen-Gott Dagda, der ihm ein unmoralisches Angebot macht. Arbeitet Nanashi fortan für die mächtige Kreatur und kehrt ins Leben zurück, oder verrottet er in der tristen Unterwelt? Wahrlich eine leichte Entscheidung…

Mit der Fähigkeit, Dämonen und Engel über ein Smartphone beschwören zu können, geht die Geschichte in Apocalypse erst so richtig los. Spätestens, wenn die übermächtigen “Divine Powers” ins Spiel kommen, nimmt das Abenteuer Fahrt auf. Die Handlung um den Krieg zwischen Engeln und Dämonen, die an der Nahrungskette ganz oben über den Menschen stehen, bietet eine wahrlich interessante Ausgangslage, mit der eine vielseitige und spannende Geschichte erzählt wird. Als Ganzes mit Shin Megami Tensei IV gibt die Story eine wirklich gelungene Erzählung ab!

Daran haben auch die tollen Charaktere ihren Anteil. Neben den wiederkehrenden Figuren stößt auch eine Riege neuer Charaktere dazu. Obwohl viele Zeitgenossen auf den ersten Blick wie klassische Anime-Stereotypen wirken, bieten die Figuren weitaus mehr Substanz, was sich nach und nach zeigt. Allen voran der Dämonen-Gott Dagda kann als Drahtzieher hinter den Kulissen ungemein punkten. Das Figurenaufgebot war in der Shin Megami Tensei-Reihe wie auch in der Spin-Off-Serie Persona schon immer eine große Stärke und so wird dieser Trend überzeugend fortgeführt.

Feinstes JRPG-Spielgeschehen

Die Shin Megami Tensei Reihe zeichnet sich durch traditionelle JRPG-Action in einem rundenbasierten System aus. Die Party des Spielers hat mehrere Züge frei und so geben wir Angriffe und Aktionen für unsere Seite aus, bis die Gegner an der Reihe sind. Mit einer Gesundheits- und einer Manaleiste ausgestattet, fallen die Manöver der Figuren recht klassisch aus. Es gibt physische Angriffe, die keine MP verbrauchen. Dazu gesellen sich mehrere Elementarangriffe, die wiederum MP aufbrauchen. Hier herrscht ein klassisches Schere-Stein-Papier-Prinzip und so kommt jedes Wesen mit Schwachpunkten, aber auch mit Resistenzen daher. Manche Aktionen fügen den Feinden zudem Statuseffekte zu und vergiften sie beispielsweise – oder schläfern sie ein. Manöver für Party-Buffs und Gegner-Debuffs zählen ebenfalls zum klassischen RPG-Repertoire. Als kreatives Element bietet Apocalypse zudem neben den physischen Angriffen auch Schusswaffen, mit denen wir auf Feinde schießen. Ebenfalls eine nette Idee: Finden wir einen Schwachpunkt heraus oder landen einen kritischen Treffer, nimmt die agierende Figur den “Smirk”-Status an. „Grinst“ ein Charakter also, erhalten wir nicht nur einen weiteren Rundenzug, sondern können je nach Figur und Manöver auch besondere Effekte bewirken – nette Idee, die mit Apocalypse verfeinert wurde! Die Möglichkeit zur Benutzung von Items rundet das Kampfgeschehen ab. So traditionell wie es in vielerlei Hinsicht auch ist – die Gefechte in SMT IV Apocalypse sind fantastisch! Mit gelungen knackigem Schwierigkeitsgrad (insgesamt drei verschiedene verfügbar) bleiben die Kämpfe jederzeit spannend. Eine vermeintliche Führung ist schnell aus der Hand gegeben, wenn die Feinde unsere Elementarschwächen herausfinden. Das “Smirk”-System bringt zusätzliche Würze ins Geschehen und trägt dazu bei, dass die Kämpfe auch nach vielen Stunden nicht langweilig werden.

Ungewöhnliche Verbündete

Wer macht denn nun die Party aus vier Charakteren aus, die durch Hilfsfiguren unterstützt werden? Sind es in Pokémon beispielsweise die titelgebenden kleinen Taschenmonster, stellt uns SMT Engel und Dämonen zur Seite. Richtig gelesen: Die eigentlichen Feinde und Verantwortlichen für das Chaos in Tokio werden zu unseren Verbündeten. Doch anstatt einen Pokeball zu werfen, fällt das Konzept der Kreaturenerlangung innovativer aus. Wir sprechen mit den Wesen und versuchen, sie von uns zu überzeugen! In wahnsinnig witzigen Dialogen geben die Feinde allerlei absurder Aussagen von sich und so ist es bewusst konfus gestaltet, die Kreaturen für sich zu gewinnen. Ich wusste häufig nicht, wie ich auf die Dämonen und Engel antworten sollte, was für mich persönlich zum Spaß beiträgt. Die Wesen sind unberechenbar und unter Umständen extrem gerissen. Nach einigen Worten des Small Talks wollen die meisten Exemplare einige Geschenke von uns, um unserer Party beizutreten. Das reicht von Macca, der Währung in Apocalypse, über Items bis hin zu Lebenspunkten oder MP. Doch selbst wenn wir auf alle Wünsche des Gegenübers eingehen, heißt das noch nicht, dass wir ihn sicher überzeugt haben. Einige gerissene Kreaturen machen sich mit all unseren Gaben aus dem Staub. Das System ist erstaunlich dynamisch und vielseitig. Wir können die Wesen verärgern oder auch friedlich in die Flucht treiben. Sie reagieren auf unsere Tätigkeiten im Kampf und geben sich auch mal bockig, wenn wir sie zuvor bereits angegriffen haben. Neu in Apocalypse: Die Gegner erinnern sich gelegentlich an unsere bisherigen Interaktionen, was einmal mehr für große Unterhaltung sorgt. Insgesamt präsentiert sich dieses Dialogsystem sehr amüsant und so ist es jedes Mal aufs Neue ein Spaß, ein übernatürliches Wesen für sich zu gewinnen.

Ebenfalls fester Bestandteil der Reihe sind Fusionen der Engel und Dämonen. Die Kreaturen steigen zwar im Kampf durch Erfahrungspunkte auf und lernen neue Angriffe dazu. Wem das aber nicht reicht, kann die Wesen miteinander fusionieren, um noch mächtigere Exemplare zu erhalten. Wir sind dabei jedoch an das Level gebunden, das der Spielcharakter hat. Ist Nanashi zum Beispiel auf Rang 20, kann er keine Fusion mit einem resultierenden Wesen auf höherem Level als 20 durchführen. Das Spiel schlägt uns eine Auswahl an derzeit möglichen Fusionen mit unseren vorhandenen Figuren vor. Doch können wir auch frei experimentieren, solange die Levelgrenze nicht gebrochen wird. Das System ist einmal mehr ein gelungenes Konzept, das auf unterhaltsame Art und Weise zum Spaß beiträgt.

Kleine und große Gebiete

Das postapokalyptische Tokio benötigt in vielerlei Hinsicht unsere Hilfe. Neben den Hauptaufgaben, die die Geschichte vorantreiben, geben uns zudem so manche Bürger Aufgaben zu erledigen. Mal sollen wir etwas sammeln oder beschaffen, mal ein bestimmtes Monster x-mal besiegen. Denn trauen sich die verbliebenen Bewohner nicht nach draußen und verbringen viel mehr ihre Zeit in sicheren Untergrund-Sektoren. Zu den Quests gesellen sich Challenges, die ähnliche Tätigkeiten erfordern. Insgesamt haben wir jede Menge zu tun und absolvieren gelungene Aufgaben.

Unterirdisch sind wir in schlauchartigen Gebieten unterwegs, die uns quasi als Basis dienen. Hier gehen wir schlafen, um unsere Party aufzufrischen, kaufen neue Ausrüstung oder nehmen neue Missionen an. Fahren wir per Aufzug ins Erdgeschoss, präsentiert sich uns das stark in Mitleidenschaft gezogene Tokio. Die Gebiete variieren zwischen ebenfalls engen Schlauchwegen und offeneren Gebieten, in denen wir jederzeit auf Feinde treffen können, die mit einer blauen Silhouette angedeutet werden. In den Arealen können wir Schatztruhen auffinden, die zumeist hilfreiche Gegenstände für uns parat halten. Weiterhin lassen sich so genannte Relics finden. Diese wertvollen Überbleibsel in der Umgebung können wir an einem Shop für gutes Geld verkaufen. Neben Untergrund und frei begehbaren Gebieten schreiten Spieler außerdem auf einer übergeordneten Karte der Region fort. Hier bewegen wir uns per Cursor und navigieren von einem Schauplatz zum nächsten. Auch hier lassen sich Gegner, aber auch Schätze finden, wodurch sich das Konzept dynamisch spielt. Einzig hat mich gestört, dass die Markierung des nächsten Quest-Schauplatzes nicht immer ganz so leicht zu deuten ist. In mehreren Fällen wurde ich aus der Karte nicht schlau und lief vielmehr jeden verfügbaren Ort ab, um nach einiger Zeit zufällig ins richtige Gebiet zu stoßen. Eine übersichtlichere Quest-Markierung auf der Map wäre von Vorteil gewesen.

Neue Hunter-Apps und schicke Kleidung

Klassisches Element der meisten RPGs ist die Ausrüstung unseres Spielcharakters. Auch in SMT IV Apocalypse nimmt dieser Aspekt eine wichtige Rolle ein. Wie schon erwähnt gibt es im Spiel Händler, bei denen wir uns mit Kleidungsstücken eindecken können. Selten stoßen wir auch unterwegs auf neue Teile zum Ausrüsten. Der Kopf, der Ober- und Unterkörper sowie die Arme lassen sich ausstatten. Zudem können wir einen Ring anlegen, der zusätzliche Boni gewährt. Es hat mir große Freude bereitet, meinen Nanashi nach und nach durch neue Kleidung zu verstärken. Dazu gesellen sich wie bereits erwähnt neue Schwerter und neue Schusswaffen, um auch den Angriff zu stärken.

Mit jedem Rangaufstieg erhalten Spieler 5 Attributspunkte zu vergeben, mit denen die Eigenschaften des Charakters verbessert werden. Fan von Magie-Angriffen? Oder doch lieber die Chance auf kritische Treffer erhöhen? Mit diesem System können wir die Figur nach Belieben formen und die Stärken unterschiedlich gewichten. Abgerundet wird das System mit der Möglichkeit, Apps zu installieren. Ein Smartphone agiert als zentrales Element, denn beschwören wir unsere übernatürlichen Kollegen aus dem Display des Handys. Die Idee, über Apps neue Fähigkeiten zu erlernen, ist also wirklich clever! Beim Levelaufstieg verdienen wir AP dazu, mit denen wir die Apps kaufen können. Es gibt welche, die unser Kreaturen-Aufgebot um einen neuen Slot erweitern. Es gibt auch welche, die unsere Verhandlungsaussichten mit den Wesen verbessern. Wir können die Fusions-Levelgrenze erhöhen oder beispielsweise einen Erfahrungsbonus bei bestimmten Aktionen freischalten. All diese Aspekte setzen sich zu einem tollen JRPG zusammen, das mit gelungenen Ideen seine Spieler über 50 Stunden hinweg zu unterhalten weiß.

Sieht gut aus – und klingt auch so

Das postapokalyptische Tokio sieht wirklich toll auf dem 3DS aus! Der eingeschlagene Stil überzeugt und präsentiert die Umgebungen in einem mysteriösen Look. Die niedrige Auflösung des Handhelds ist bei solch hübschen Spielen immer besonders schade, denn hätte ich die Areale gerne knackiger und schärfer gesehen – so gehen schlicht viele Details verloren. Das Figurendesign ist toll und punktet sowohl in der Spielgrafik als auch in den Konversationssequenzen. Die Engel und Dämonen sehen teilweise urkomisch aus, doch hat mir der Großteil der Gestaltungen gut gefallen. Auch wenn ich nicht der größte Fan der 3D-Funktion des 3DS bin, bietet der Titel eine tolle Umsetzung der Dreidimensionalität. Allen voran Figuren und das Menü während der Kämpfe setzen sich gut ab und so habe ich erstaunlich oft den 3D-Schieber voll durchgedrückt, um die Funktion zu nutzen. 

Schade nur, dass Apocalypse viele Assets von Shin Megami Tensei IV benutzt. Es macht durchaus Sinn, schließlich kreuzen sich die Handlungen und Schauplätze der beiden Spiele. Doch kann es etwas ermüdend sein, gegen viele der gleichen Gegner in allzu bekannten Arealen zu kämpfen – vor allem, wenn man den Vorgänger erst kürzlich erlebt hat. Allerdings kommt Apocalypse auch mit neuen Gebieten daher und setzt sich so etwas von seinem Partnerspiel ab. Ebenfalls neu mit dabei sind eine Handvoll Musikstücke, die genau wie die alten Klänge überzeugen. Die Synchronsprecher machen in Englisch eine gute Figur. Wahlweise können Spieler auch die japanische Originalvertonung nutzen. Deutsch ist leider wie gewohnt in keinster Weise unterstützt, sodass mindestens Englisch-Schulkenntnisse erfordert sind.

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