Review: The Last Guardian für PS4

Das Jahr 2016 ist für die Videospielwelt wirklich spannend ausgefallen. Mit der HTC Vive, der Oculus Rift und Playstation VR ist Virtual Reality nun beim Konsumenten angekommen. Top-Spiele wie Dark Souls 3, Doom, Overwatch, The Witness und Uncharted 4 sind herausgekommen. Und bevor das Jahr zuende geht, sind gar noch Final Fantasy XV und The Last Guardian erschienen, die gefühlt eine Ewigkeit in der Entwicklung verbracht haben. Letzteres wurde 2009 angekündigt, damals noch für PS3 geplant, und soll die Trilogie vom kreativen Schöpfer Fumito Ueda vollenden. ICO und Shadow of the Colossus zählen als Klassiker der Szene, weshalb das Warten auf The Last Guardian vielen Fans so schwer fiel. Jetzt ist das heiß diskutierte Spiel endlich auf dem Markt. Wird es dem Hype gerecht, den Journalisten und Fans in den letzten Jahren so aufgebauscht haben?

Mysteriöser Auftakt, bezaubernder Verlauf

Spieler schlüpfen in die Rolle eines namenlosen Jungen, der von allerlei Mysterien geprägt ist. Wir wissen nicht, warum er ohne Erinnerungen in einer dunklen Höhle aufwacht. Auch erfahren wir zunächst nicht, wie und warum der Protagonist Tattoos am ganzen Körper erhalten hat. Und das wohl größte Rätsel: Was hat es mit dem riesigen Vogelartigen Wesen auf sich, das neben dem Jungen festgekettet ist?

Diese interessante Prämisse läutet das besondere Abenteuer ein, das den Jungen und das Wesen “Trico” durch sonderbare Orte führt. Spieler erleben keine gewöhnliche Storyführung, denn gibt es nur wenige klassische Zwischensequenzen und spricht der Protagonist eine fiktive Sprache, aus der wir keineswegs schlau werden. Lediglich Untertitel eines Monologs in der Vergangenheitsform stellen die einzige Art der direkten Geschichtenerzählung dar. Viele Ereignisse zwischen Tier und Hauptfigur lassen sich vielmehr durch Gestik und Mimik der Figuren erahnen. Diese minimalistische Handlung ist wahrlich schön präsentiert und stellt einen tollen Kontrast zum immer gleichen Storykonzept moderner Spiele dar.

Weil sich große Teile des Unterhaltungswertes bei The Last Guardian aus der sich entfaltenden Geschichte ergeben, möchte ich auch gar nicht allzu viel über die Prämisse hinaus verraten. In märchenhafter Art und mit ganz besonderer Atmosphäre entsteht eine Handlung um den Jungen und Trico, die mir von der ersten bis zur letzten Sekunde ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Das Spiel wirft nur selten mit Bombast um sich und weiß eher, die ruhigen Momente gelungen zu inszenieren. Das Ende hat mich voll und ganz zufrieden gestellt, auch wenn ich anfangs befürchtet hatte, genau in diesem Aspekt enttäuscht zu werden. The Last Guardian bietet keineswegs eine konventionelle Story und trotz weitestgehend ruhigem Geschehen doch ein denkwürdiges Erlebnis, das in den richtigen Momenten die richtigen Akzente setzt.

Beruf: Vogelkatzen-Dompteur

Das Spielgeschehen besteht daraus, den Jungen durch sein Abenteuer hindurch zu navigieren. Im Kern steckt hier ein klassisches Platforming-Spiel, denn verbringen wir viel Zeit damit, von einer Plattform auf die nächste zu springen und zu klettern, um neue Areale zu erreichen. Seichte Umgebungsrätsel dürfen in einem Ueda-Spiel ebenso nicht fehlen und so will das Spiel oftmals von uns, dass wir uns mit vorhandenen Objekten in interaktiven Umgebungen zurechtfinden. Mit Trico kommt hier jedoch ein besonderer Aspekt dazu. Der gefiederte Begleiter weicht nicht von unserer Seite und erkundet mit uns die sonderbaren Ruinen, von denen wir zu entkommen versuchen. Die Spielmechaniken sind dabei auf Trico zugeschnitten und so hilft uns das Wesen bei fast jeder Tätigkeit, um voran zu schreiten.

Mal ebnet uns die Kreatur den Weg, indem sie etwas zerstört. Mal erklimmen wir Trico, der uns anschließend auf eine Plattform hebt oder mit uns auf dem Rücken über eine Schlucht springt. Mal beschützt uns das knuffige Geschöpf vor Gefahren, mal hilft es bewusst – oder auch unfreiwillig – bei der Bewältigung eines Rätsels aus. Die Interaktion mit Trico nimmt einen immens wichtigen Stellenwert ein, denn befehligen wir die Vogelkatze mit rudimentären Gesten. Der Junge zeigt, tippelt, springt und schreit, um Trico deutlich zu machen, was das Wesen als nächstes tun soll. Dass das Tier gelegentlich bockig ist und macht, was es will, hat dabei Vorzüge und Nachteile. Zum einen unterstreicht dies das realistische Verhalten von Trico. Wer schon einmal einen Hund oder eine Katze hatte, weiß sicherlich, dass es gar nicht so einfach ist, den Tieren Befehle zu geben. Genauso hat Trico hin und wieder ganz eigene Vorstellungen und hört nicht auf unsere Befehle, streunt stattdessen interessiert in der Gegend herum. Die KI ist wirklich beeindruckend und so hat mich Trico oftmals als eigenständiges Wesen total fasziniert.

Gelegentlich bockig – wächst aber schnell ans Herz

Zum anderen kann es auch hin und wieder recht anstrengend sein, wenn der Begleiter nicht so will wie der Spieler. Wenn das Wesen partout nicht macht, was man ihm sagt und der Fortschritt darunter leidet, kommt mitunter gar Frust auf. Diese Momente halten sich in Grenzen, denn erhalten wir schnell eine Riege an Befehlen, die bei Einhaltung gewisser Regeln (Befehle nur einmalig ausüben und geduldig sein) auch fast immer zum Erfolg führen. In einigen Momenten brachte mich das Tier wahnsinnig auf die Palme, was ich im Nachhinein aber gar zu schätzen wusste. Ich nahm Trico als eigenständig handelnde Kreatur war, die nun einmal gelegentlich auch eigene Interessen verfolgt. Ich kann mir vorstellen, dass sich dieser Aspekt bei so manchem ungeduldigen Spieler als fatale Funktion erweist und Schuld daran ist, dass ein kleiner Teil der Spielerschaft keinen Spaß mit The Last Guardian haben wird. Wer dem Ganzen aber Zeit gibt und sich mit den Befehlen vertraut macht, sowie die Eigensinnigkeit von Trico mit Interesse statt mit Frust verfolgt, wird auf die wenigen anstrengenden Momente ebenfalls positiv zurückblicken.

Mit zunehmender Spielzeit habe ich mir eingebildet, die Körpersprache des besonderen Lebewesens besser einschätzen zu können. Auch habe ich beispielsweise beobachtet, wie fasziniert Trico von Fackeln und Feuer ist, was ich mir im späteren Spielverlauf zu Nutze machte, um meinen gefiederten Freund zu mir zu locken. Ich habe auch gemerkt, dass das Wesen die Areale nicht nur mit Neugierde, sondern auch mit Angst durchwandert. Wie zuvor schon erwähnt, werden große Teile der Handlung durch Gestik und Mimik erzählt. Genauso können Spieler deuten, dass Trico in der Spielwelt in der Vergangenheit viel Leid erfahren hat. Wir müssen einige Objekte zum Beispiel zerstören, damit unser Freund nicht mehr vor Angst winselnd zurückschreckt. Es sind Momente wie dieser, die mir die Figur schon ganz früh so sympathisch gemacht haben. So schnell wie Trico ist mir wahrlich noch kein digitaler Spielcharakter ans Herz gewachsen. Nach vermeintlich simplen Tätigkeiten bin ich stolz auf die Vogelkatze und streichle sie – obwohl das Spiel dies keineswegs von mir verlangt. In dieser Hinsicht ist The Last Guardian schlicht genial: Es weiß mit der emotionalen Reaktion der Spieler umzugehen und hat mit Trico einen virtuellen Begleiter geschaffen, der für mich einzigartig ist!

Nicht frei von Fehlern

Auch wenn ich von Spielerlebnis grundlegend begeistert bin, hat The Last Guardian leider mit einigen Schwächen zu kämpfen. Fangen wir mit der an, die von den ersten Spielsekunden an auffällt: Die Kamera-Kontrolle ist scheußlich. Wir sind oftmals in schmalen Gängen unterwegs oder balancieren auf engen Wegen, wo die Perspektive gelegentlich kaum unübersichtlicher sein könnte. Die manuelle Steuerung der Kamera mit dem rechten Stick, die recht träge erscheint, verschlimmert die Ansicht oft sogar. Ich habe mich an diesen Aspekt zwar gewohnt, doch traten weiterhin regelmäßig frustrierende Momente auf, die mir die ein oder andere Platforming-Einlage strittig machte. Die Kontrolle über den Jungen fand ich im ersten Moment auch merkwürdig – so benutzt das Spiel beispielsweise Dreieck zum Springen. Nach meinen ersten Spielstunden fühlte sich die Steuerung jedoch intuitiver als gedacht an. Sowohl die seltsame Laufweise des Jungen als auch die Befehle für Trico gehen nach einiger Zeit gut von der Hand. Springen wir bei einem Platforming-Versuch in den Abgrund, ist dies vielmehr auf die Kamera zurückzuführen. Doch hören die Probleme hier nicht auf. Denn sind mir eine Handvoll Umgebungsrätsel zu stumpfsinnig ausgefallen. So manches Rätsel will auf wahrlich konfuse Lösung hinaus, die ich tatsächlich erst im Internet nachschauen musste, bevor ich voranschreiten konnte. Das Spieldesign fühlt sich in dieser Hinsicht gelegentlich etwas altbacken an. Die meisten interaktiven Aufgaben konnten mich aber überzeugen.

Und noch ein Punkt ließ mich mit geteilter Meinung zurück. Die Grafik und die technischen Aspekte des Spiels haben fantastische Momente, doch ebenso auch enttäuschende Augenblicke. Fangen wir mit den negativen Dingen an. The Last Guardian hat seine Ursprünge auf der PS3 – und das sieht man dem Titel häufig an. Allen voran viele Umgebungstexturen präsentieren sich matschig und werden dem aktuellen Standard nicht gerecht. Dazu hat das Spiel mit Framerate-Problemen zu kämpfen. Die normale PS4 trifft es in diesem Fall ganz schlimm, denn hält diese nur selten die angepeilte 30-FPS-Marke. Doch auch die PS4 Pro bietet im 4K-Modus keine stabile Bildrate. Lediglich im 1080p-Modus lässt sich auf der Pro eine konsistente Framerate von 30 FPS genießen. Wie sollte dieses Spiel jemals auf der PS3 laufen? Diese Frage bleibt wohl ungeklärt.

Beeindruckende Federpracht und phänomenale Klänge

Ich schätze mich glücklich – denn bin ich auf der PS4 Pro in 1080p den technischen Schwierigkeiten fern geblieben. So konnte ich mich voll und ganz den positiven Aspekten der Technik widmen. Gelegentlich sieht The Last Guardian nämlich fantastisch aus! Mit einer tollen Beleuchtung und atemberaubenden Weitsichten bietet das Spiel hin und wieder sehr schöne Ansichten. Das visuelle Highlight aber stellt Trico dar. Nicht nur die KI des Tieres nimmt sicherlich viel Rechenpower ein. Auch die optische Darstellung des Wesens scheint sehr aufwendig zu sein. Allen voran die Federn sind faszinierend in Szene gesetzt. Weht der Wind durch die Federn der Kreatur, sehen wir die einzelnen Federn flattern. Trico ist nicht gerade klein und verfügt über dutzende Federn, was regelmäßig für einen beeindruckenden Anblick sorgt. Zudem können die Animationen des Jungen und des Geschöpfes punkten. Ich habe mich immer wieder gefreut, wenn sich Trico geputzt hat oder mit einem gewaltigen Satz einen Sprung vollzogen hat. Obwohl The Last Guardian von Performance-Problemen geplagt ist und der weiche Grafikstil nicht Jedermanns Sache sein wird, hat mir die Optik des Spiels insgesamt gut gefallen.

Keinerlei Kritik habe ich hingegen am Sound-Aspekt auszusetzen. Die Akustik ist wunderbar umgesetzt, was besonders durch den phänomenalen Soundtrack zur Geltung kommt. Die Töne fügen sich toll zur mysteriösen Märchen-Atmosphäre ein und wissen jeden Moment musikalisch gut einzufangen. Auch die Umsetzung der fiktiven Sprache ist gelungen. Die Laute, die Trico wiederum von sich gibt, sind mindestens genauso gut geglückt. Zusammen mit Mimik und Gestik trägt die Geräuschkulisse dazu bei, dass das Wesen so realistisch herüber kommt.

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